Am 23.11.2024 wurde die Kirche geschlossen.
Hier finden Sie Texte und Bilder vom Schließungswochenende

Text von Marco Heinen:
Erfolgreiche Herbergssuche
Die Lübecker Kirchengemeinde Liebfrauen trennt sich von ihrer Kirche – und zieht zu den evangelischen Nachbarn auf der anderen Straßenseite. Ein Ende als Anfang.
„Pilger sind wir Menschen“ wird zum Einzug gesungen, „Das Ende ist Anfang“ zum Schluss: Der Schließungsgottesdienst in der Liebfrauenkirche im Lübecker Stadtteil Eichholz am Samstag, 23. November ist von den gemischten Gefühlen geprägt, die sich wohl mit jedem Abschied von einem Kirchengebäude verbinden. Gerötete Augen, verdrückte Taschentücher und zitternde Stimmen gibt es ebenso wie Sätze der Hoffnung, dass nicht alles zu Ende ist; es doch weitergeht, wenn alle mitziehen.
Es ist die zweite Kirche – nach St. Birgitta – der Pfarrei Zu den Lübecker Märtyrern, die aufgegeben wird. Ein Festgottesdienst zum 70. Geburtstag im kommenden Jahr ist ausgeschlossen. Als Sekundärimmobilie auf einem Erbpachtgrundstück war Liebfrauen nicht zu halten.
Während sich die Gläubigen aus St. Birgitta innerhalb der Pfarrei neu orientierten, will die Gemeinde Liebfrauen zusammenbleiben. Ihre neue Herberge wird St. Christophorus sein, die evangelisch-lutherische Kirche auf der anderen Seite der viel befahrenen Brandenbaumer Landstraße. Mit der Gemeinde dort versteht man sich seit Jahren gut.
Schon der Beginn des Gottesdienstes ist ein Rückblick in die Geschichte. Michael Schieffelke vom Gemeindeteam Liebfrauen heißt Ehrengäste willkommen, die 93-jährige Paula Pille etwa, die mit ihrer Familie aus dem Emsland angereist ist. Sie ist die Schwester von Gregor Pille, der von 1977 bis 1986 Pastor der Gemeinde war. Die langjährige Gemeindereferentin Monika Eissing ist gekommen, außerdem die langjährige Betreuerfamilie Oberdörster, und noch einige andere mehr werden begrüßt.
„Wir wollen es so annehmen aus Gottes Hand, dass er kein absolutes Ende hier mit uns begeht, sondern ein offenes Ende; nicht ein Punkt, sondern ein Doppelpunkt setzt für uns“, sagt Propst Giering.
In der Predigt von Pastor Peter Otto, der in Liebfrauen meist der Zelebrant war, kommt alles zum Ausdruck, was sich im Widerstreit von Herz und Verstand mit einem Kirchengebäude verbindet. Er erinnert sich an seine Studienzeit, an die Schließung einer Kapelle in St. Georgen und an die Freude, als ein neue gebaut wurde. „Besoffen vor Glück“ seien er und die anderen Seminaristen gewesen, erinnert sich Otto. Doch zur Weihe der Kirche schüttete jemand Wasser in den Wein und zwar in Form eines Liedes, getextet von dem evangelischen Theologen Eugen Eckert, natürlich unter Rückgriff auf die Bibel: „Wenn Gott das Haus nicht baut, nicht segnend auf uns schaut, dann suchen wir vergebens das Fundament des Lebens.“ Soll heißen, so eine Kirche ist schon schön, aber es kommt doch auf etwas anderes an: „Es geht darum, dass Gott sich aus lebendigen Steinen eine Kirche baut, dass wir nicht auf das Äußere schauen, sondern auf das Innere“, sagt Otto.
Der aber weiß, dass das nicht so einfach ist. Erstkommunion, Firmung, Hochzeiten, Abschiede: „Das alles ist nicht klein und gering zu schätzen.“ Doch entscheidend sei eben nicht, „dass wir Kirche haben, sondern dass wir miteinander Kirche sind“. Bei allem was die Gemeinde zurücklasse – die schönen Fenster, den Tabernakel, die Marienfiguren und mehr – käme doch auch Vertrautes mit, nämlich die vertrauten Gesichter im Gottesdienst: „Ich wünsche, hoffe und bete, dass der heilige Christophorus uns hilft, die Brandenbaumer Landstraße zu überwinden.“
Sichtlich bewegt fügt er hinzu: „Ich habe hier auch Geschichte und Leben. Mir tut das auch weh. Aber ich bin froh und dankbar, dass wir die Chance haben, als Gemeinde beieinander zu bleiben.“
Propst Giering nimmt am Schluss des Gottesdienstes noch einen weiteren Gedanken auf, nicht zuletzt mit Blick darauf, dass viele Menschen in der voll besetzten Kirche aus anderen Teilen der Pfarrei gekommen sind und auch die musikalische Begleitung des Gottesdienstes unter Leitung von Michael Kiedels durch Gäste verstärkt wurde: „Wenn wir den Weg gemeinsam gehen, dann gehen wir ihn auch weiter auf der Pfarreiebene“, so Giering, der die Gemeinde um „Offenheit für die gesamte Pfarrei“ bittet.
In zwei Grußworten klingt noch einmal die Erinnerung an gute Zeiten an. Sigrid Joos vom Gemeindeteam berichtet von Dingen im Kirchraum, die es ihr angetan haben, dem Tabernakel mit einer falsch aufgebrachten Platte etwa oder den Kreuzen in der Dämmung an der Decke, die ein Konfirmand bei einer Führung ausmachte: „Viele, viele, viele Kreuze – übrigens 640. Sie sind Segnungszeichen für uns. 640 Mal gesegnet, das reicht für alle von uns mehrfach, würde ich mal sagen.“ Dann lädt sie ein zum ersten gemeinsamen Fest mit den Nachbarn von St. Christophorus, dem Neujahrsempfang Ende Januar. Und das letzte Zusammensein in den Gemeinderäumen von Liebfrauen beginnt.
Hans-Heinrich Schmidt, viele Jahre Christophorus-Pastor bis zu seinem Ruhestand Anfang Juni, ist übrigens auch gekommen. Er ist einer derjenigen, die das ökumenische Miteinander über viele Jahre wirklich gelebt haben und im Lutherjahr 2017 den Anstoß für gemeinsame Gottesdienste am Reformationstag gab. Er sei mit der Gemeinde traurig über den Abschied, aber auch dankbar, dass es für sie in St. Christophorus weitergehe, erzählt er nach dem Gottesdienst. Nicht zuletzt, weil so auch der Standort gesichert werde, obwohl die Gemeinde keinen eigenen Pastor mehr bekommt. Vor allem aber sagt Pastor Schmidt diesen Satz: „Ich sage mal so, das ist für mich persönlich die Krönung meiner ökumenischen Arbeit.“
Marco Heinen
